Werte-Union„Ich möchte meinen Kindern einmal sagen können: Ich habe mich für das Land eingesetzt“

Die Werte-Union, ein Zusammenschluß konservativer Mitglieder und Anhänger von CDU und CSU, steht gerade unter parteiinternem Dauerbeschuß, weil sie sich den Kritikern zufolge nicht stark genug gegen rechts abgrenzt. Die 22 Jahre alte Linnéa Findeklee ist Vorstandsmitglied der Werte-Union in Niedersachsen. Im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT erklärt die Medizinstudentin unter anderem, was eine junge Frau bewegt, heute in die CDU einzutreten, um sich für konservative Werte einzusetzen.

Frau Findeklee, mehrere CDU-Politiker haben der Werte-Union offen den Kampf angesagt, manche bezeichnen sie sogar als „Krebsgeschwür“. Sie sitzen im Vorstand der Werte-Union Niedersachen: Sind Sie Teil einer Krankheit, die die CDU dahinschindet?

Findeklee: Nein. Wir sind Christdemokraten und stehen fest zu unserer Partei, der CDU. Die Werte-Union fordert eine inhaltliche und personelle Erneuerung und eine Kurskorrektur. Es ist logisch, daß so etwas von Anhängern des bisherigen Linkskurses von Angela Merkel als unangenehm und störend empfunden wird. Sonst würde man verbal nicht Mitglieder der eigenen Partei versuchen zu diffamieren und zu diskreditieren. Zur Formulierung „Krebsgeschwür“: Ich als angehende Medizinerin kann nur jedem, der dieses Wort für andere Parteikollegen verwendet, empfehlen, ein Praktikum in der Onkologie oder pädiatrischen Neurochirurgie zu machen. Dieser Vergleich ist nicht nur inhaltlos, sondern auch empathie-, respekt- und pietätlos.

Wieso braucht es überhaupt einen Verein wie die Werte-Union in der CDU?

Findeklee: Wir stehen für eine bürgerlich-konservative Politik. Genau dafür steht auch unsere CDU und die CSU, nur unter Merkel gerieten die konservativen Werte und unsere Kernthemen in Vergessenheit.

Sie sind vor einem Jahr in die CDU und gleich in die Werte-Union eingetreten. Heute heißt es oft, Konservative seien zumeist alte, weiße Männer. Sie sind weiblich und jung: Was hat Sie zu Ihrem politischen Engagement bewogen?

Findeklee: Ich habe lange die Entwicklungen in unserem Land still beobachtet und mich immer mehr darüber aufgeregt. Es reicht aber nicht, sich über Politiker aufzuregen, sondern man muß sich aktiv für seine Werte und Ideale einsetzen. Ich möchte meinen Kindern später sagen können: Ich habe mich für eure Zukunft und die Zukunft unseres Landes eingesetzt und versucht, die Dinge besser zu machen.

Warum traten Sie als liberal-konservative Nachwuchspolitikerin nicht in die AfD ein?

Findeklee: Ich bin keine Politikerin! So bezeichnen sich bekanntermaßen viele karrieregeile Parteimitglieder, die sich schon halb im Bundestag sitzen sehen. Zu der Frage, warum ich nicht in die AfD eingetreten bin: Ich bin Christdemokratin und stehe zum Parteiprogramm der CDU. Die AfD beherbergt rechtsradikale Strömungen, die ich ablehne.

Auf Ihrem Twitter-Account fordern Sie, die CDU solle sich wieder mehr für die stillen, fleißigen Steuerzahler einsetzen statt auf diejenigen zu hören, die am lautesten kreischen. Versuchen nicht Werte-Union-Anhänger mit schrillen Aussagen und Forderungen aufzufallen?

Findeklee: Nein, das Rumgrölen mit Megaphonen überlassen wir gerne der Fridays-for-Future-Bewegung. Die Kinder haben dafür auch freitags Zeit, wenn sie die Schule schwänzen. Im Gegensatz zu hart arbeitenden Leuten der Mittelschicht. Mein Twitter-Account ist privat, ich schreibe dort keine offiziellen Stellungnahmen der Werte-Union.

Sollte die Werte-Union nicht den stillen und manchmal langwierigen Weg in den Parteigremien gehen statt mit harten Äußerungen zur Asylpolitik durch die Medien gereicht zu werden?

Findeklee: Es ist wichtig, daß die Werte-Union sich klar positioniert und für ihre Werte einsteht. Genau das fehlt der CDU zunehmend, da viele Funktionäre ihre Meinung zurückhalten, um ihren Posten nicht zu gefährden. Genau dieses Verhalten läßt unsere Partei bei den Wählern schlecht aussehen.

Aber gerade innerhalb der Partei hat die Werte-Union einen schweren Stand, nicht nur, was die Kritik an ihr anbelangt. Der Vorsitzende der Werte-Union, Alexander Mitsch, verlor im Herbst bei der Vorstandswahl seines Kreisverbandes seinen Posten als Beisitzer. Ist der Einsatz für die Werte-Union schlußendlich verlorener Einsatz?

Findeklee: Nein! Daß Alexander Mitsch seinen Posten verlor, war eine gewollte Machtdemonstration der Parteiführung. Mitglieder der Werte-Union sitzen aber schon jetzt in mehr Vorständen, CDU-Geschäftsstellen, Ministerien und Abgeordnetenbüros, als die Parteiführung auch nur ansatzweise ahnt, da wir zumeist sehr aktive Mitglieder der CDU/CSU sind. Auch immer mehr Bundes- und Landtagsabgeordnete vernetzen sich mit uns.

Rechts der CDU existiert die These, die Parteiführung sei insgeheim froh über die Existenz der Werte-Union und ihren prominenten Mitgliedern wie den ehemaligen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, weil sie Dampf aus dem Parteikessel ließen. Ist die Werte-Union nur ein konservatives Feigenblatt?

Findeklee: Nein, diese These kommt immer wieder auf. Wir werden von der Spitze angefeindet und man versucht – vergeblich –, uns auszugrenzen. Wir sind dort ein Dorn im Auge, weil wir unbequeme Wahrheiten aussprechen und auf Fehler hinweisen, die die merkelsche CDU begangen hat. Am liebsten würde die Kanzlerin uns absägen, wie die Dame es mit allen ihren Kritikern aus eigenen Reihen tut.

Sie sind Medizinstudentin. Vor kurzem erst sorgte eine Studie über hochqualifizierte Auswanderer für Schlagzeilen. Wird Deutschland Ihrer Meinung nach zusehends unattraktiver für gut ausgebildete Personen?

Findeklee: In ökonomischer Hinsicht kommen große Probleme auf Deutschland zu. Wir haben nicht nur eine Abwanderung von hochqualifizierten Deutschen, sondern auch eine unkontrollierte Einwanderung von mehrheitlich geringqualifizierten Migranten. Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Deutschland ist immer noch ein sehr beliebtes Einwanderungsland, hochqualifizierte Deutsche finden jedoch im Ausland meist besser bezahlte und attraktivere Jobs.

Ich selber studiere Medizin auf Englisch im Ausland, weil ich hier in Deutschland keinen Studienplatz bekommen habe. An meiner Universität gibt es sehr viele deutsche Studenten, die aus dem gleichen Grund im Ausland studieren. Zurück wollen viele nach ihrem Abschluß nicht.

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Linnéa Findeklee stammt aus Niedersachsen und wuchs in einem Ort nahe der ehemaligen Grenze zur DDR auf. Die 22 Jahre alte Medizinstudentin ist seit 2019 Mitglied in der Jungen Union, der Werte-Union und der CDU. Vorher war sie ihren Angaben zufolge nie politisch aktiv.